Graphik: Veit Lindau/Homodea
Gestern Abend im Kollegiengebäude I der Universität Freiburg:
Ein smarter Meteorologe, Klimawissenschaftler und Mitglied im Klima-Sachverständigenrat der Landesregierung von Baden-Württemberg, Prof. Dr. Dirk Schindler, hält auf Einladung des BUND einen Vortrag zum Thema „Klimawandel im Südwesten - Freiburg im Breisgau“. Einige Thesen, die bei mir hängen geblieben sind (ich habe nicht mitgeschrieben):
- Das Klima in Europa erwärmt sich statistisch stärker als der globale Durchschnitt (paradoxerweise u.a. aufgrund der infolge guter Umweltpolitik wieder saubereren Luft!). Aktuell sind wir hier bereits bei rund 2,5°.
- Manche der den Prognosen zugrundeliegenden Modelle sind veraltet, weil die Politik in Deutschland für neuere, genauere und bessere Modelle bisher keine Mittel bereitgestellt hat. Sie berücksichtigen teilweise noch nicht die sich enorm verstärkenden Trends der letzten Jahre.
- Rechnet man diese Trends hoch, werden wir in Freiburg in den nächsten 50-70 Jahren lokal eine Erwärmung um durchschnittlich 12° (!) erleben.
- Die Hälfte der Kommunen in Baden-Württemberg wird in den nächsten 25 Jahren Probleme mit der Wasserversorgung bekommen.
- Usw. usw.
Schindlers Fazit auf einige Nachfragen und Kommentare aus dem Publikum bzgl. möglicher technischer Lösungen war so schlicht wie niederschmetternd:
Es gibt keine Alternative dazu, möglichst viel CO2-Ausstoß zu VERHINDERN, und zwar so bald wie möglich bzw. SOFORT.
Denn selbst wenn wir in 20 oder 30 Jahren klimaneutral würden, bleibt das vorhandene CO2 für Jahrtausende in der Atmosphäre – und damit die erhöhten Temperaturen!
Daher verlagerte sich der Fokus im Hörsaal alsbald auf Fragen wie: „Wie halten Sie das als Wissenschaftler aus?“, „Haben Sie irgendeine hoffnungsvolle Botschaft für uns?“ oder gar: „Wohin könnte man noch auswandern?“.
Auf meine Frage danach, wie die Politik denn in den Sitzungen mit dem Klima-Sachverständigenrat auf derartige Informationen reagiere, sagte Schindler: „Das darf ich Ihnen nicht sagen – Verschwiegenheitspflicht!“ Die Reaktionen – also die Diskrepanz zwischen diesem Wissensstand und den politischen Konsequenzen könne man ja in den Landtagsprotokollen nachlesen. Aua!
Alles Wissen ist seit Jahren und Jahrzehnten vorhanden, aber wir als Gesellschaften ziehen – seit Jahren und Jahrzehnten – nicht die notwendigen Konsequenzen daraus. Weder werden die nötigen Ressourcen für diese Forschung bereitgestellt, noch der Fokus der Öffentlichkeit auf die wesentlichen Themen gelegt, noch Entscheidungen getroffen, die dem Ernst der Lage auch nur annähernd gerecht würden. Stattdessen beobachten wir Polit-Theater, Schlammschlachten, Klientelpolitik und einen Tunnelblick, der de facto jeweils nur bis zur nächsten Wahl reicht.

Aus integraler Sicht ist dies ein systemisches Problem: die Politik, wie wir sie kennen (politics as usual) und unser politisches System insgesamt sind überholt.
Sie sind von den kompetitiven Werten und Logiken der Moderne bestimmt - und darin gefangen. Dies gilt im übrigen für so gut wie alle anderen modernen Systeme, die unseren Alltag prägen und organisieren (etwa in Wirtschaft, Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit u.a.). Diese Systeme haben uns an den Punkt geführt, an dem die Menschheit heute steht: kurz vor der Selbstzerstörung.
Moderne Systeme und die ihnen zugrundeliegenden Werte sind sämtlich unterkomplex in ihren Sicht- und Herangehensweisen und brauchen daher dringend ein Update – einen grundlegenden Politikwechsel, einen Paradigmenwechsel hin zu einem neuen, integralen Weltverständnis der Verbundenheit (Interbeing), wie es seit über 100 Jahren von Visionären beschrieben wird.
Mehr dazu in meiner Keynote „Ein integrales Update für die Demokratie“, und im Buch „Integrale Politik“.
Wir als Gesellschaft, als Menschheit, müssen endlich anfangen, zu sehen, zu fühlen und Konsequenzen daraus zu ziehen, dass wir „kollektiv Systeme geschaffen haben, die zu Ergebnissen führen, die keiner wollen kann“ (Otto Scharmer).
Dazu braucht es eine neue Art von Politik, eine neue Art des Sehens aus einer Meta-Perspektive, die uns als Gesellschaft dabei unterstützt, und selbst und unsere Rolle in diesen Dynamiken zu sehen, zu verstehen – und uns zusammenzutun, um sie gemeinsam zu verändern.
Wenn Du/Sie daran mitarbeiten wollen, freue ich mich über eine Nachricht an info
ifis-freiburg [dot] de (info[at]ifis-freiburg[dot]de).
In Freiburg bieten wir monatlich einen integralen Politischen Salon an, um uns über diese und ähnliche Fragen auszutauschen. Der nächste findet am 31.3.2026 statt. Alle Termine hier.
