PD Dr. Nikolaus von Stillfried, IFIS
Quantenphysik und Bewusstsein in Zeiten von KI
Mit den rasanten Fortschritten künstlicher Intelligenz stellt sich für viele Menschen eine alte Frage neu und mit wachsender Dringlichkeit: Hat KI Bewusstsein? Und falls ja – welche ethischen und moralischen Konsequenzen hätte das?
In diesem Kolloquium zeigt PD Dr. Nikolaus von Stillfried auf, dass der aktuelle Stand der Bewusstseinsforschung keine belastbare Antwort auf diese Frage erlaubt – weder in bejahender noch in verneinender Richtung. Es existieren bisher keine philosophisch-theoretisch oder neurowissenschaftlich-empirisch fundierten Kriterien oder verhaltensbasierte Tests, die verlässliche Maßstäbe dafür liefern, ob ein System bewusst ist oder nicht.
Zur Begründung dieser Diagnose präsentiert und rekapituliert Nikolaus zentrale Forschungsansätze der Bewusstseinswissenschaft und -philosophie, unter anderem:
a) die bisherigen (vorläufigen) Ergebnisse der Suche nach eindeutigen neuronalen Korrelaten des Bewusstseins sowie
b) ein theoretischer Ansatz, der auf der Interpretation der Quantentheorie von David Bohm aufbaut, und der ihm als besonders plausibel erscheint.
Dabei wird deutlich, dass es bis heute keinen theoretischen Konsens und nicht einmal eine allgemein akzeptierte Methodik gibt, um zu entscheiden, ob KI mit Bewusstsein einhergeht, und ob überhaupt künstliches Bewusstsein ("synthetische Phänomenologie") existieren könnte.
Unter anderem Thomas Metzinger warnt vor diesem Hintergrund vor der Gefahr sogenannter „sozialer Halluzinationen“: kollektiver Fehlzuschreibungen von Bewusstsein an künstliche Systeme trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz. Die daraus resultierende Debatte um eine Ethik synthetischer Phänomenologie verschärft dieses Problem zusätzlich.
Das Kolloquium bietet einen Rahmen, um zu diskutieren, was wir heute – angesichts wachsender KI-Fähigkeiten und unserem sehr begrenzten Wissen über Bewusstsein – zu diesen Fragen sagen können und sagen sollten.