Bei rund 38 Grad Hitze in Freiburg ist es eine Wohltat, die klimatisierte S-Bahn in Richtung Titisee zu betreten, die mich in 40 Minuten in den rund 600m höher gelegenen Schwarzwaldort Hinterzarten bringt. Beim Verlassen der S-Bahn empfängt mich eine angenehme sommerliche Wärme - aber eben nicht Hitze. So läßt es sich aushalten...
Als wir auf dem Gelände des Tennisclubs Hinterzarten ankommen, wo unser 11. Runder Tisch stattfindet, wird dort gerade der Platz aus mehreren Sprinkleranlagen beregnet - welch ein Kontrast! In Freiburg vertrocknet die Vegetation, sämtliche Grünflächen sind verbrannt, und selbst ausgewachsene Bäume verfärben sich braun - und hier hat man offenbar genügend Wasser, um es über einen Sandboden zu gießen... so mein erster Gedanke (ich oute mich hiermit als Tennis-Laie). Allerdings lerne ich bald, dass es sich hierbei um eine technisch notwendige Maßnahme zur Pflege und Erhaltung des Belags handelt. Mehr dazu hier.
Es verwundert daher nicht, dass wir auch an diesem Runden Tisch innerhalb kürzester Zeit beim Thema Wasser waren - sowie den damit verbundenen systemischen Fragen rund um Klimawandel, die politischen Prioritätensetzungen und unsere Handlungsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang.
"Die Kriege der Zukunft werden über Wasser geführt", so eine Teilnehmerstimme gleich zu Beginn. Und das habe weitreichende Konsequenzen. Was viele beim Blick auf die aktuelle Politik beklagen, war an diesem Runden Tisch kein Problem: die Tendenz, sich die Dinge schön zu reden, anstatt sich damit auseinandersetzen, dass es (vorsichtig ausgedrückt) schwierig werden wird. So bewegte sich denn die elfte, mit 14 Teilnehmenden wiederum voll besetzte Hinterzartener Tischrunde noch direkter als frühere Rundtischgespräche hin zu grundlegenden, nachdenklichen Fragen von Wertigkeiten und gesellschaftlichen Prioritäten.
Während ein Teilnehmer auf den hohen Wasserverbrauch der Tesla-Fabrik von Elon Musk in Brandenburg hinwies, der zunehmend in Konkurrenz zum Trinkwasserbedarf der örtlichen Bevölkerung tritt, wußte ein anderer, dass richtiges, das heißt besonders effizientes Gießen optimalerweise um 4-5 Uhr morgens erfolgen sollte (aufgrund der dann höchsten Luftfeuchtigkeit und geringsten Verdunstung). Eine andere Teilnehmerin, Vermieterin einiger Ferienwohnungen am Ort, berichtete von ihrem Unverständnis für Feriengäste, die nach einem Besuch des Schwimmbads bei ihr erstmal ausgiebig duschen würden. Wie könne man darauf angemessen reagieren, ohne moralisierend zu wirken?
Der tiefer liegenden Frage nach der Nachhaltigkeit unseres gegenwärtigen Wohlstandsniveaus wich dieser Tisch nicht aus. Dabei war allen bewusst, dass man im Schwarzwälder Luftkurort ein relativ privilegiertes Leben führen könne. "Ich bin hier, weil das Wasser gut ist", so ein Rentner, der seinen Alterswohnsitz nach Hinterzarten verlegt hatte.
Eine Teilnehmerin berichtete vom Paradox, dass ein geringerer als der durchschnittliche Verbrauch (etwa bei einem carsharing-Anbieter, bei der Müllgebühr oder auch der Wassernutzung) mitunter zu steigenden bzw. schlicht höheren Preisen führe, weil die Infrastruktur des dahinterliegenden Anbieters oder seines Geschäftsmodells nicht auf Sparsamkeit angelegt sei.
Diese und ähnliche Fragen wurden in einer für viele überraschenden Tiefe verhandelt, zugleich auch im Blick auf konkrete Lösungsansätze ungeachtet einer scheinbar unmöglichen Situation: "Wie kriegen wir das Stroh in Gold verwandelt?", zitierte eine Teilnehmerin aus dem Märchen vom Rumpelstielzchen.

Als Inspiration wirkten dabei die Einsichten des jüngsten Freiburger Käpsele-Festival: "Man braucht Mut und Tatkraft, um neue Wege zu gehen" und: "Bei uns wird nicht nachgedacht, sondern vorgedacht!" Dabei war sich die Tischrunde bewusst: Mut braucht auch Verankerung, mit anderen Worten, einen sicheren, nährenden Raum, in dem Resonanz und wohlwollende Unterstützung erlebt werden kann. Explizit wurde der Runde Tisch als ein solcher Schutzraum gewürdigt. Ein Ort, um neue Muster einzuüben, um sich zu zeigen oder mit einer Sichtweise zu positionieren, ohne Angst vor negativen Reaktionen - ein Ort, an dem Zivilcourage genährt und geübt werden kann.
Gießen und Kultivieren konkreter Ideen
Auf dieser Basis entstanden im zweiten Teil des Abends erneut einige ganz praktische, vor Ort umsetzbare Ideen, so etwa
- der Wunsch nach einer Rubrik im Gemeindeblatt: "Neulich am Runden Tisch"
- der Vorschlag, regelmäßig unbehandeltes Quellwasser an einer nahe gelegenen Quelle zu zapfen
- die Idee, beim anstehenden Backhausfest ein Wasserquiz zu organisieren, bei dem Menschen die Qualität verschiedener Wassersorten (u.a. Quell- und Leitungswasser) blind testen können
- das Bedürfnis, ein öffentliches Bücher(tausch)regal an einem nicht-kommerziellen Ort einzurichten, z.B. im Kurhaus
Auf unsere gewohnte Abschlussfrage: "War der Tisch rund?" erhielten wir denn auch wiederum ausschließlich positive Rückmeldungen. Die Antworten reichten von "positiv überrascht" oder "ich habe mich wohl gefühlt und komme wieder" über "es war bunt, rund und bereichernd" bis hin zu "das war ein besonders schöner Runder Tisch! Wunderschön rund, leicht und tiefgründig".
Ein nächster Runder Tisch findet voraussichtlich im Birklehof statt.
Nähere Infos unter Runder-Tisch
email [dot] de (Runder-Tisch[at]email[dot]de).