Am 2. Januar unternahmen vier Kolleg:innen vom Zentrum für integrale & Metamoderne Politik mit Freude (ZEMPF) eine Neujahrsexkursion ins Basler Museum Tinguely. Der Titel der Ausstellung „Scenes from the Invention of Democracy“, sowie die Frage des Tinguely-Museums: „Braucht unsere Demokratie ein Update?“ hatten uns neugierig gemacht.
Wir wurden mit einer defizitorientierten Perspektive konfrontiert, einer Art Abgesang auf die Demokratie, die hier offenbar als ein andauernder Kampf verstanden wird. Aus integraler Sicht lässt sich diese Auffassung mit dem Begriff „wahr, jedoch nur teilweise“ (true, but partial) beschreiben.

Die Ausstellung
Vor Ort erwartete uns ein großer dunkler Raum mit drei neueren Arbeiten des Video-Künstlers Oliver Ressler (eine vierte befindet sich im Untergeschoss) sowie die 8-teilige Videoinstallation What Is Democracy? aus dem Jahr 2009. Während man den Ton der meisten Arbeiten nur über Kopfhörer anhören kann, ist die Hauptleinwand von Live-Sound begleitet.
Diese dem Besucher zuerst ins Auge fallende Großleinwand zeigt, wie nacheinander vor blauem bzw. wolkigem Himmel Fahnen aller möglicher demokratischer Staaten verbrennen, vor allem solcher mit vergleichsweise langer Demokratie-Geschichte (USA, Großbritannien, Frankreich, Australien, Deutschland, Taiwan u.a.).
Das traurig-bedrückende Geschehen wird von kritischen Stimmen zum Zustand der jeweiligen demokratischen Systeme begleitet – sowohl in Bezug auf ihre kapitalistische Wirtschaftsweise als auch auf die enge Verflechtung von Wirtschaft und Politik.
Durch alle Beiträge zieht sich dabei die Frage, ob das Modell der „westlichen Demokratie“ bereits zum Relikt der Geschichte geworden ist – und gleichsam auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre. Offenbar eine rhetorische Frage, denn so gut wie sämtliche in den Videos zu Wort kommenden Stimmen konzentrieren sich auf die Probleme unserer Demokratien, während wir insgesamt nur zwei einigermaßen konkrete Verbesserungsvorschläge wahrgenommen haben.
Dazu passend liefert die sogenannte 8-Kanal Videoinstallation What Is Democracy? von 2009 Stimmen von eher unbekannten und nur im Abspann namentlich genannten Aktivist:innen und politischen Analyst:innen, die das Funktionieren der jeweiligen Demokratien kritisch hinterfragen bzw. überwiegend negativ kommentieren.
Dabei geht es um funktionale Mängel und dysfunktionale Entwicklungen in überwiegend westlichen Demokratien, vor allem europäischen, sowohl mit längerer als auch kürzerer demokratischer Tradition (Grossbrittannien, Frankreich, Schweiz, Dänemark, Deutschland) aber auch Amerika, Australien, Israel und Taiwan. So beklagt etwa ein Mann aus Thüringen die Unfähigkeit der Parlamente, ihren eigentlichen Kernaufgaben nachzukommen (Kontrolle der Exekutive, einbringen von Gesetzesvorlagen, Repräsentation der Wähler:innen), weil sie überfordert seien mit anderen Aufgaben.
Ein häufiger Kritikpunkt ist ferner das in den meisten Demokratien zu beklagende Hand-in-Hand zwischen Wirtschaft und politischen Eliten. Unter dem Strich lässt die ausführliche Problematisierung des Status Quo durch „eine Vielfalt von Perspektiven“ das Glas durchweg als bestenfalls halb leer erscheinen. Nichts Neues seit der Aufklärung, vielmehr Dekadenz und Verfall, so der überwiegende Seh-und-Hör-Eindruck.
Aus integraler Sicht liest sich die Botschaft der Ausstellungsmacher:innen in vieler Hinsicht wie eine pauschale Grundsatz-Kritik an modernen (ORANGEnen) Systemen aus der Perspektive relativistischer (GRÜNer) Werte. Alles Hergebrachte taugt nichts – Würdigung moderner Errungenschaften Fehlanzeige – bei gleichzeitiger fast naiv-idealisierender Beschreibung traditionaler Gesellschaften oder Kulturen.
Ein gewisser geschichtsvergessener Relativismus spricht auch aus den wenigen Stimmen aus oder über Mittel- und Osteuropa. So habe man etwa in Polen nach der Wende lediglich westliche Modelle nachgeahmt und westliche Diskussionen übernommen. Die damals stärkste Oppsitionsbewegung in Osteuropa, der polnische Widerstand gegen sowjetische Dominanz (Solidarność), der schließlich zum Kollaps von deren Imperium beitrug, sei bedeutungslos geworden. Kaum thematisiert wird dagegen die (freiwillige) Hinwendung der post-kommunistischen polnischen Gesellschaft zur westeuropäischen Wertegemeinschaft (NATO, EU usw.).

Der inzwischen im Gefängnis sitzende links-marxistische russische Soziologe Boris Kargalitzki (Bild oben links) wird in der Aufnahme von 2009 mit der Prognose zitiert, weniger bewege sich Russland in Richtung Westen, als dass sich der Westen in Richtung autoritärer Tendenzen wie in Russland entwickle. Am Ende werde alles dasselbe sein, so Kargalitzki sinngemäß. Es bleibt offen, ob Kargalitzki diese These heute noch in derselben Form vertreten würde und ob die Kuraton:innen der Ausstellung diese Sichtweise teilen.
Was setzen die Ausstellungsmacher:innen ihrem Abgesang auf die westliche Demokratie also positiv entgegen?
Der Künstler, Oliver Ressler wird mit der Einladung zitiert, „nicht nur über gesellschaftliche Probleme nachzudenken, sondern auch darüber hinaus aktiv zu werden. Er möchte mit seinen „Werken dazu anregen, bestehende Verhältnisse zu hinterfragen und Handlungsoptionen aufzeigen, um diese zu verändern“. Vor diesem Hintergrund will das Tinguely-Museum einen Raum bieten, „um sich mit den Weiterentwicklungsmöglichkeiten demokratischer Prozesse auseinanderzusetzen“. Diese Einladung war der Hauptgrund, warum wir uns entschlossen hatten, diese Ausstellung zu besuchen. Doch leider wird sie diesem Anspruch kaum gerecht.
Stattdessen dokumentiert Ressler einige Aktionen des zivilen Ungehorsams wie die Vorbereitung eines Protests der Klimabewegung in Madrid (Not Sinking, Swarming, 2021) im Detail und zeichnet eine scheinbar aussichtslose Protestaktion gegen die Erweiterung einer Porsche-Teststrecke für Luxusautos in einem italienischen Naturschutzgebiet (?) in Apulien nach (We Are the Forest Enclosed by the Wall, 2025). Damit, so das Museum, gebe er „Menschen eine Stimme, die gegen Missstände vorgehen.“ Ressler versteht seine Arbeiten „nicht nur [als] Kunstprojekte über Kämpfe, in einer Welt der Klimakrise sind sie auch Werkzeuge für den Kampf“. Tatsächlich wird damit auch die Stimmung und die energetische Signatur des Gesamtprojekts recht treffend beschrieben: Protest, Widerstand, Kampf.

Das Ganze in einem dunklen Raum, in Endllosschleife, weitgehend ohne orientierende Struktur (z.B. in Form von Namen, Biographien oder Hintergründe der befragten Aktivist:innen, Gesamtlänge der betreffenden Videos, für die man gut und gerne drei Stunden einplanen sollte, wenn man sie vollständig anschauen wollte). Eins der neueren Videos (Anubumin, 2017, über die Pazifikinsel Nauru) versteckt sich zudem zwei Etagen tiefer, in einem zugigen Gang gegenüber der Toilette, durch den Besucher:innen auf dem Weg zum Café hindurchlaufen müssen. Infolgedessen konnte man es leicht übersehen.
Integrale Gedanken zur Weiterentwicklung der Demokratie
In besagtem Café ließen auch wir bei Tee und heißer Schoggi unseren Ausstellungsbesuch ausklingen. Unser Fazit zu „What is Democracy“: Wir waren enttäuscht. Zwar ist unbedingt anzuerkennen, dass sich das Tinguely-Museum „in einer Zeit, in der vermehrt von einer «Krise der Demokratie» gesprochen wird“, dieses Themas annimmt. Und ja, Resslers „Arbeit eröffnet eine Vielfalt an Perspektiven“, von denen einige „auch mit zeitlichem Abstand nichts an Relevanz verloren haben“. Doch gibt Resslers Installation wirklich „wichtige Denkanstösse“?

Wir finden: Nein, eher unterstützt sie die Krise – ganz in der Bildsprache des Hauptvideos auf der großen Leinwand, in der eine brandbeschleunigende Flüssigkeit das Abbrennen der Fahnen befördert. Die Ausstellung wirkt leider auch wie ein Brandbeschleuniger, durch ihre Negativität und den Mangel an positiven Visionen.
17 Jahre sind vergangen seit der Fertigstellung der Video-Installation What Is Democracy? Folglich sind zwar manche Problembeschreibungen in der Tat weiterhin zutreffend – denn leider sind unsere Demokratien schon lange auf dem Weg in dysfunktionale Entwicklungen. Doch die Inhalte sind veraltet, und die rasanten seither erfolgten Entwicklungen – gerade im Bereich von Demokratie-Innovationen, partizipativen Entscheidungsprozessen und Selbstorganisationen werden nicht berücksichtigt.
Wichtige Denkanstösse? Die Problemanalysen von Resslers Interviewpartnern erscheinen uns durchweg recht undifferenziert, einseitig und selektiv (klassenkämpferisch) bzw. analytisch unterkomplex. Simple Polaritäten (Kapital versus Moral, Aktivist:innen versus Eliten) teilen die Welt in gut und böse.
Offenbar musste auch die Politikwissenschaft bei der Erstellung der Ausstellung draußen bleiben. Jedenfalls zeugt die titelgebende Frage („Sind die vorherrschenden Formen der repräsentativen und direkten Demokratie wirklich demokratisch? Gibt es alternative, demokratischere Modelle und wie könnte ihre organisatorische Struktur aussehen?“) mehr von einer ideologisch gefärbten Demokratie-Definition als von einer analytischen. Denn dass Demokratie kein festes, sonder ein sich mit unseren Gesellschaften entwickelndes Konzept ist, gehört zum kleinen Einmaleins der Demokratiewissenschaft. Auch dass demokratische Staaten miteinander sowie im internationalen Kontext mit autoritären Staaten in Konkurrenz stehen, die meilenweit von den (nicht perfekten, Churchill lässt grüssen) demokratischen Standards entfernt sind, also was im schlimmsten Fall die Alternative zu ihnen wäre, wird hier nicht bedacht. Das Projekt hat sich anscheinend mehr der Gesellschafts- und Demokratiekritik als ihrer Analyse oder gar Verbesserung verschrieben. Oder sollten wir – unter Verweis auf die Kunstfreiheit – schlicht von sachlich-inhaltlichen Schwächen absehen?

Es ist so einfach wie verlockend, Fehlentwicklungen zu kritisieren und ganze Systeme aufgrund ihrer Mängel zu verdammen. Schwieriger ist es, die tieferen Ursachen der zunehmenden Dysfunktionalität unserer modernen Systeme (dazu zählen die parlamentarische Demokratie und der Kapitalismus gleichermaßen) zu erkennen und ihnen mit ausreichend komplexen Antworten zu begegnen – mit anderen Worten, diese Systeme weiterzuentwickeln. In der Regel gelingt dies besser, wenn man zunächst ihre Leistungen würdigt und ihre Errungenschaften anerkennt. Hilfreich bzw. sogar nötig ist es meistens auch, Fehlentwicklung zunächst kollektiv zu Bewusstsein zu bringen und zu betrauern. Erst mit dem Eingeständnis, dass wir alle Teil und Mitproduzenten unserer Systeme sind – keine einseitigen Schuldzuweisungen! – und nur wir alle gemeinsam sie verändern können, wird der Weg frei für echte Transformation.
Heute sehen wir: Auch viele der Akteur:innen in unseren Systemen leiden selbst darunter (vgl. Dausend & Knaup, 2023*). Viele engagieren sich aufrichtig und wollen durchaus das Beste, finden sich dann aber in systemischen Zwängen wieder, die sie ihrer ursprünglichen Handlungsimpulse zu berauben scheinen. Aus einer integralen Metaperspektive wird sichtbar, dass sowohl die parlamentarische Demokratie als auch der Kapitalismus Ergebnisse eines überholten modernen Weltbilds und Wertesystems sind. Ja, sie sind Betriebssysteme eines zu kurzfristigen, oberflächlichen, zu einseitig materialistischen Denkens.
In der Ausstellung werden – soweit wir sehen – nur zwei konstruktive Ideen thematisiert, einmal losbasierte Bürgerräte, die inzwischen an unzähligen Orten auf der ganzen Welt erfolgreich eingesetzt werden, und zum anderen Konsensmethoden der Entscheidungsfindung, wobei letztere als nicht skalierbar kommentiert werden. Auch hierzu gibt es inzwischen freilich zahlreiche digitale Lösungen (z.B. Circle Weaver, ConsenT Online‑Tool, Airtable, Glassfrog u.a.).
Im Kontext der Ausstellung wird auf das Demokratie-Labor Basel hingewiesen, das während der letzten drei Jahre neue Formen politischer Teilnahme getestet und beurteilt habe. – Könnten dessen Ergebnisse nicht Teil dieser Ausstellung sein? Wäre sie vielleicht durch entsprechende konstruktive Ansätze erweiterbar?

Wir selbst haben am Institut für integrale Studien über sechs Jahre lang Demokratie-Innovationen gesammelt und Pionier:innen einer neuen, ganzheitlichen Politik porträtiert. – Und wir sind bei weitem nicht die einzigen. Allein das Material aus dem LiFT Politics- und dem Cohere-Projekt oder dem Sammelband „Ein Update für die Demokratie“ (2025) wäre mehr als ausreichend für ein Update dieser Ausstellung.
Wäre es nicht gerade an dem Ort, der das Erbe Tinguelys pflegt, passend, die verschiedenen, bisher noch disparaten Ideen und Bausteine eines neuen demokratischen Betriebssystems künstlerisch zusammenzufügen zu etwas, das vielleicht zu Beginn noch etwas unförmig aussieht und beim ersten Anlaufen klappert, quietscht und rumpelt – aber mit zunehmender Dynamik an Geschmeidigkeit, Eleganz und Funktionalität gewinnen könnte?
Welche:r Künstler:in oder Kurator:in wäre an einem solchen spielerisch-experimentellen „Tinkering“ mit Demokratie-Innovationen interessiert? Wir würden uns über eine Kontaktaufnahme freuen! 😊
info
ifis-freiburg [dot] de (info[at]ifis-freiburg[dot]de)
* Dausend, P., & Knaup, H. (2020). " Alleiner kannst du gar nicht sein": Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst. Deutscher Taschenbuch Verlag.
Ich danke meinen Kolleg:innen Simon Berg, Toni Charlotte Bünemann und DK für den kurzweiligen Ausflug, den anregenden Austausch und ihre Kommentare und Ergänzungen zu diesem Text.