
„Wir brauchen ein integrales Update für unsere Demokratie“, so die Kernthese der Keynote, die ich am 19. Februar 2025 zur Eröffnung des GWS*-Forums in Oberursel gehalten habe.
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Warum? Die Politik, wie wir sie kennen, stößt immer spürbarer an Grenzen ihres „Betriebssystems“. Ihre Angebote passen immer weniger zu den gegebenen Problemlagen. Mit anderen Worten es fehlt ihr an Weitblick, Tiefe und Kohärenz.
Angesichts globaler und innergesellschaftlicher Herausforderungen wie Rechtspopulismus, Vertrauensverlust und abnehmender politischer Bindungskraft stehen viele Demokratien unter Druck. Wichtiger Verstärker dieser Schieflage sind toxische Strukturen in Parlamenten, dysfunktionaler Parteienwettbewerb und die fehlende Komplexitätsbewältigung in Gesetzgebungs- und Verwaltungsverfahren.
Kohärenz als Ausweg aus Polarisierung und Fragmentierung
Was, wenn wir unsere Demokratie als flexibles und entwicklungsfähiges Werkzeug und nicht als zu bewahrendes Denkmal betrachten würden?
In meiner Keynote plädiere ich für eine dynamische integrale Perspektive, in der Institutionen und politische Kultur permanent weiterentwickelt werden – müssen, um gesellschaftlichen Wandlungs- und Differenzierungsprozessen zu entsprechen. Wir müssen also Kohärenz zwischen unseren Institutionen, unseren Organisationsformen und Prozessen einerseits und den für die Lösung der anstehenden Aufgaben erforderlichen Denk- und Verhaltensweisen andererseits herstellen. Andernfalls könnten wir die Demokratie selbst verlieren.
Wo stehen wir und was ist das Problem daran?
Die meisten von uns nehmen das System der Parteiendemokratie als scheinbar „alternativlos“ wahr, weil wir schlicht nichts anderes kennen. Doch auch dieses System hat eine Geschichte. Es ist ein Produkt modernen Denkens, moderner Werte und Verhaltensweisen, deren Schattenseiten heute überall sichtbar werden. So erscheint auch die Parteiendemokratie zunehmend als ein zu enges, dysfunktionales Korsett, das gute Lösungen häufig eher verhindert als fördert. Das System passt also nicht mehr zu den vielfältigen und komplexen, gleichzeitig zu lösenden Aufgaben unserer Zeit. Wie können wir Kohärenz wieder herstellen?
Kleine Geschichte der parlamentarischen Demokratie
Demokratie bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Das System der Repräsentation des Volkes bzw. seines politischen Willens über Parteien war in seiner Entstehungszeit, im späten 18. und 19. Jahrhundert (in England bereits deutlich früher), eine große Innovation. Also in einem Kontext, wo Monarchien das dominante Modell waren. Es ging den frühen Parlamenten unter anderem darum, der im Zuge der Aufklärung selbstbewusster gewordenen – und den Staat finanziell tragenden – Bürgerschaft eine Stimme (damals noch vor allem in Haushaltsfragen) zu geben. Dazu wurden die gesellschaftlichen Milieus (vor allem Arbeiterschaft, liberales Bürgertum, katholisches Milieu, konservative Eliten) über Parteien vertreten.
Diese Milieus haben sich heute weitgehend aufgelöst oder sind viel durchlässiger als sie es damals waren. So sind auch Parteipräferenzen heute viel volatiler als noch vor Jahrzehnten. Im Ergebnis konkurrieren Parteien vielfach um dieselbe Wählerschaft, was zu zunehmend absurden Wahlkämpfen, leeren Versprechungen und Profilierung auf Kosten anderer führt.
Dabei sind die politischen Akteure oft innerlich und materiell so sehr mit diesem System verwoben, dass sie selbst dessen die Dysfunktionalität kaum wahrnehmen, geschweige denn effektiv beseitigen könnten. Wir brauchen daher ein Update für unsere Demokratie und einen Paradigmenwechsel in der Politik, der die Demokratie weiterentwickelt und vertieft. Und diese Transformation kann eigentlich nur von außerhalb des Systems, d.h. sie muss von uns, den Bürger/innen kommen.
Eine tiefe Demokratie ist eine kohärente Demokratie
Letztlich geht es dabei darum, unser politisches System flexibler, lebendiger, und in sich stimmiger zu machen. Es geht um eine andere Qualität in unserem Miteinander. Wie gehen wir mit Problemen und Konflikten um? Betrachten wir sie als lästige Störungen, als Gelegenheiten zur Selbstdarstellung oder als Chance zu einem tieferen Zusammenhalt?
Die Qualität von Demokratien bemisst sich nicht nur nach institutionellen Standards und Beteiligungsmechanismen, sondern auch nach dem Grad der Kohärenz und Integrität im gesellschaftlichen Beziehungsraum. Kohärente Demokratien schaffen es, auch kontroverse oder marginalisierte Positionen sinnvoll in öffentliche Diskurse einzubinden, Spannungen offen anzusprechen und daraus innovative, tragfähige Lösungen zu entwickeln. Umgekehrt führen verdrängte Spannungen und unbewältigte oder ignorierte Konflikte – Inkohärenz – zu Vertrauensverlust und gesellschaftlicher Blockade.
Somit ist die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen konstruktiv zu integrieren, die eigentliche Stärke offener Gesellschaften. Eine Vertiefung der Demokratie durch Erhöhung ihrer Kohärenz ist also ein Schlüssel zur Überwindung gesellschaftlicher Polarisierung. Hierzu bietet integrale Politik die erforderlichen Ansätze und Werkzeuge.
Ein integrales Update für unser demokratisches Betriebssystem
Die gute Nachricht ist: das neue, integrale Paradigma ist im Kern seit langem bekannt. Es wird seit über 100 Jahren von vielen Vordenkern und Entdeckerinnen erforscht und beschrieben, beginnend mit Sri Aurobindos „Integralem Yoga“ nach dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Quanten-Politik und -Sozialwissenschaft von Karen O’Brien (2023). Ich habe die Quintessenz der Einsichten einer wichtiger Impulsgeber/innen integraler Politik in zehn Prinzipien zusammengefaßt. Hinter jedem einzelnen davon verbirgt sich ein ganzes Universum an neuen Ansätzen und Möglichkeiten. Gemeinsam weisen sie den Weg in eine (sich selbst) zuhörende und damit kohärentere Gesellschaft (Hanzi Freinacht).
Doch wie kommen wir dorthin? Wie können wir den Prozess vom alten ins neue Paradigma gestalten? Vor allem: Wie schaffen wir das im laufenden Betrieb? Und wie nehmen wir die ganze Gesellschaft dabei mit? Oder allgemeiner gefragt: wie geht Transformation? Wie können wir vertraute Muster würdevoll verabschieden, um Platz zu machen für etwas Neues?
Arnold Mindell, der Mitbegründer von Deep Democracy, nennt es die Kunst, im Feuer zu stehen, ohne zu verbrennen. Um Kohärenz in der Tiefe zu lernen, müssen wir sie erfahren. Hierbei kommt Transformationsexpert/innen, Moderator/innen und systemisch arbeitenden Coaches, wie sie in der Gesellschaft für Weiterbildung und Supervision (GWS)+ organisiert sind, eine zentrale Rolle zu. Sie alle, die Sie ähnliche Kompetenzen haben, sind aufgerufen, ihr Können und ihre „skills“ in den Dienst an einer neuen, integraleren politischen Kultur zu stellen. Die Demokratie braucht Sie!
Mein herzlicher Dank gilt Eberhard Gaissert, für die Einladung zum Forum wie auch für die Aufnahme meiner Keynote. Auch wenn das Setting hierfür technisch nicht ganz optimal war, ist sie dank Aribert Laschke jetzt geschnitten und ab sofort als Folge 25 unserer Serie „Pioneers of Politics“ online verfügbar. Ich freue mich über Kommentare, Likes und Repostings 😊
* Die GWS ist ein Fachverband systemisch arbeitender Personal- und Organisations-Entwickler/innen im deutschsprachigen Raum. Sie veranstaltet einmal jährlich ihr "Forum" als Jahrestagung für ihre Mitglieder. 2025 hatte das Forum den Titel "Wie gelingt Verständigung in polarisierten Welten?"