Inspiriert von Deep Democracy: Auftakt integraler politischer Dialoge in Freiburg

Eisberg-Modell

"Am Schluss waren 'Freund' und 'Feind' kaum mehr voneinander zu unterscheiden", so das anerkennende Feedback einer Teilnehmerin unseres ersten Dialogabends zum Thema Corona am 19. Dezember im Freiburger Haus des Engagements, die ich moderieren durfte.

Da im Zuge unserer multiplen Krisen die Polarisierung weiter zunimmt - und sich so manche/r Mitbürger/in innerlich bereits aus dem gesellschaftlichen Diskurs verabschiedet hat, haben die Initiatoren der "Aktion Brückenschlag" am Treffpunkt Freiburg eine Neuauflage dieses erfolgreichen Formats angeregt. - Und der Auftakt ist gelungen.

Im Kreis von zehn Teilnehmenden mit unterschiedlichen Erfahrungen und Standpunkten zum Thema Corona, von denen zwei sogar eigens aus der Region Stuttgart angereist waren, erkundeten wir über drei Stunden verschiedene Aspekte und Schichten des Themas. Dabei ging es nicht um den Austausch von Argumenten, sondern darum, dass Menschen mit konträren Sichtweisen überhaupt wieder miteinander ins Gespräch kommen, einander hören und in ihren tieferen Anliegen, Sorgen und Bedürfnissen gesehen werden. Im Eisberg-Modell von Siegmund Freud geht es also um die teils unbewussten, teils auch tabuisierten, von Erfahrungen, Emotionen und Traumata bestimmten Bereiche "unter der Wasseroberfläche" des öffentlichen Scheinwerferlichts, für deren angemessene Bearbeitung im regulären Politikbetrieb leider keine ausreichend sicheren, entschleunigten und vertrauensvollen Räume vorhanden sind. Dies ist in unserem Dialogprozess anders.

Ein hilfreiches Werkzeug für derartige "schwierige Gespräche" ist der von "Deep Democracy" inspirierte dynamische Dialog, bei dem sich die Teilnehmenden in wechselnden Konstellationen wiederfinden. Ergebnis ist dabei zumeist, dass man selbst mit den größten Widersachern einen Haufen Gemeinsamkeiten entdeckt, während vermeintliche Gräben kleiner werden. Zudem kann dabei auf spielerische Weise ausgelotet werden, wo "der Schuh am meisten drückt" und wie dieser Druck schrittweise aufgelöst werden kann.

An unserem Dialogabend wurde klar, dass wir, um an "des Pudels Kern", also an die eigentlichen Knackpunkte des Konflikts über die Corona-Maßnahmen heranzukommen, das Thema deutsche Vergangenheit einbeziehen müssen. Die meisten roten Linien, Schmerzpunkte und Tabus im deutschen Diskurs führen früher oder später zu bestimmten traumatischen Aspekten der NS-Vergangenheit - bzw. der Frage nach den "richtigen", hieraus zu ziehenden Lehren für die Zukunft. Interessant und erfreulich war für mich, dass sich beide Seiten sehr eindeutig von der Negativfolie "Faschismus" usw. abgrenzten - allein, ihre Schlüsse daraus waren verschieden.

Leider war an dieser Stelle unser Zeitbudget aufgebraucht. Aber es hat sich die Erkenntnis eingestellt, wie lohnend es ist, an dieser Stelle tiefer zu graben und den Dialog weiterzuführen. Ich freue mich auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr!


#integralepolitik