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Auf dem Weg zu einer integralen / transformativen Partei - Rezension

Dr. Elke Fein

Soeben erschien Hanno Burmester und Clemens Holtmanns Buch „Liebeserklärung an eine Partei, die es nicht gibt. Es ist der Entwurf einer anderen, in meinen Worten (EF) integralen Gestalt von politischer Partei, der gleichsam incognito daherkommt. Was die beiden Autoren „transformative Partei“ oder auch „Purpose-Partei“ (S. 53) der Zukunft nennen, tritt an, um die Logiken und Praktiken des herkömmlichen Politikbetriebs, von politics as usual, zu transzendieren und an neuen Spielregeln zu arbeiten, „um der Menschheit und anderen Spezies langfristig ein gutes Leben zu ermöglichen“ (S. 9).

Ausgehend von der Beobachtung während der Corona-Krise (aber auch der Finanz- oder der Eurokrise), dass „Politik, wenn (sie) will, schnell Grundlegendes entscheiden kann, und sei es nur, Hunderte Milliarden für den Erhalt des Status quo auszugeben“ (S. 9), fordern Hanno und Clemens einen entsprechend grundsätzlichen Wandel in der Art, wie wir Politik machen – und wofür wir unsere gemeinsamen Ressourcen einsetzen.

Dass dies auch weiterhin über Parteien erfolgen muss oder sollte, wird dabei nicht prinzipiell in Frage gestellt, mit der Begründung, dass es ohne sie „als Scharnier zwischen Zivilgesellschaft und Staat (…) in der parlamentarischen Demokratie nicht geht“ (S. 12).

Der Fokus auf das Phänomen Partei mag auch biographisch begründet sein: Hanno war rund fünf Jahre lang Mitarbeiter u.a. der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag und ihres Parteivorstands und ist heute Fellow der Berliner Denkfabrik Das Progressive Zentrum. Clemens hat die Partei „Demokratie in Bewegung (DiB)“ mitgegründet, die bei der Bundestagswahl 2017 an der Fünfprozenthürde scheiterte – ebenso wie wohl an gewissen inneren und konzeptionellen Diskrepanzen.

Vieles an der von Hanno und Clemens ausbuchstabierten politischen Vision ist integral, auch wenn der Begriff an keiner Stelle auftaucht. Genauer gesagt wird hier im Grunde das Projekt „TEAL politics“ in Bezug auf die Entität politische Partei ausbuchstabiert, wenngleich weder der Begriff „TEAL“, noch der damit verbundene philosophisch-heuristische Paradigmenwechsel explizit zur Sprache kommt.​​​​​​​

Ungeachtet ihrer Beobachtung, „unsere Zeit schrei(e) nach politischem Wandel“ und „die etablierten politischen Parteien wirk(t)en gefangen in den Denkmustern und Strukturen der Nachkriegszeit“ (Klappentext) verorten die Autoren ihr Konzept einer transformativen Partei nicht dezidiert in einer sozio-kulturellen Entwicklungsperspektive.

Dennoch weist zumindest durch die Blumen einiges in der „Liebeserklärung“ auf ein entwicklungssensibles Komplexitätsmodell hin, etwa die Ausgangsthese einer „fehlenden Passung zwischen der Komplexität der Welt und unserer eigenen“ (S. 26) oder Heifetz‘ Unterscheidung zwischen technischen und adaptiven (oder eben transformativen) Herausforderungen. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren auch auf das Phänomen der „Hysterese“ (S. 25.), bei der Menschen ihre Strukturen, Prozesse, Arbeitsweisen und Haltungen nicht verändern, obwohl sich die Umstände dramatisch verändert haben.

Auch Anlage und Aufbau des Buches, wie auch die Kernprinzipien der darin propagierten transformativen Partei(politik) folgen bei genauerer Betrachtung in auffälliger Weise jenen von Frederic Laloux‘ Bestseller über „TEAL“ Organizationen. Im Unterschied zu Laloux, der die leitenden Prinzipien der von ihm als „TEAL“ beschriebenen neuen integralen Organisationsform letztlich aus der Empirie ableitet, also von gut einem Dutzend real existierender Organisationen, die damit teilweise bereits viele Jahre oder Jahrzehnte arbeiten, skizzieren Burmester und Holtmann ihren Entwurf einer transformativen Partei indes primär theoretisch.

Wie Laloux beginnen sie ihre Darstellung mit der zentralen Bedeutung von „Purpose“, also einer Orientierung am Daseinszweck der gesuchten transformativen Partei. Fünf große Herausforderungen werden dabei als naheliegende Daseinszwecke transformativer Parteien genannt: die Klimakrise, globale Ungerechtigkeit, Wohlstand & Sicherheit, Systemkonkurrenz und die Zukunft der Nationalstaaten in Europa. In allen diesen Bereichen, so die These, müssten Parteien an der Komplexität – und der transformativen Qualität – der Herausforderungen scheitern, wenn sie nicht diese selbst ins Zentrum stellten, als Auslöser für radikale Umdenkprozesse.​​​​​​​

​​​​​​​Um den Purpose zu finden, schlagen die Autoren – hier dürfte Hannos Erfahrung aus Coaching und Organisationsentwicklung Pate gestanden haben – das japanische Ikigai-Modell vor. Es lädt dazu ein, den eigenen Lebenssinn in einem produktiven Spannungsfeld von Passion, Mission, Profil und Berufung zu definieren.

Während ich mir gut vorstellen kann, dass viele der von unserem LiFT Politics Projekt untersuchten politischen Pioniere mit der Ikigai-Idee spontan in Resonanz gehen, bleibt die Frage, ob und mit welchem Erfolg diese Methode in der politischen Praxis tatsächlich bereits erprobt wurde, hier einstweilen offen.

Auf dieser Grundlage verorten die Autoren die gesuchte transformative Partei der Zukunft auf einer gedachten ideologisch-weltanschaulichen Landkarte – erklärtermaßen ohne wissenschaftlichen Anspruch – und setzen sie so ins Verhältnis zu den bestehenden parlamentarischen Parteien in Deutschland. Hierzu führen sie drei analytische Achsen ein:

1. freiheitlich versus illiberal,

2. „systemisches Wohlergehen“ versus „nationalmaterialistischer Wohlstand“ und

3. die Unterscheidung zwischen eher inkrementellen und eher transformativen Politikansätzen.

Aus integraler Sicht verwundert dabei, dass etwa die Dimension soziokultureller Milieus und ihrer Entwicklung nicht vorkommt. Kann doch das Modell der Sinus Milieus die historisch gewachsenen – und einander überlappenden – politisch-kulturellen Cluster differenzierter und dynamischer in den Blick rücken als dies durch bloß dyadische Skalen möglich ist. Weiterhin wäre zumindest zu diskutieren, inwieweit es hilfreich ist, den Begriff „transformativ“ auch für regressive Tendenzen („Transformation in beschissene Richtung“, S. 70) zu verwenden.​​​​​​​

Als zweite zentrale Säule des vorliegenden (verkappten) TEAL Politics-Entwurfs präsentieren die Autoren ihre Vorstellungen zum wünschenswerten „Betriebssystem“ einer transformativen Partei. Was bei Laloux als Selbstorganisation (self management) kodiert ist, wird hier für den politischen Kontext ganz ähnlich, auf der Basis eines Kreis- und Rollenmodells heruntergebrochen und ausbuchstabiert. Dabei werden Kreise sowohl funktional wie regional gedacht. Innerhalb der Partei unterscheiden die Autoren zum einen drei Funktionskreise mit je spezifischen Rollen:

1. die breite Masse der Mitglieder, Unterstützer und sympathisierenden Expertinnen („Vielheit/Multitude“),

2. die Arbeitskräfte (Prozessbegleiter, Verwaltungs- und Organisationsfachkräfte) sowie

3. die Parteiführung, die sich in eine politisch-strategische und eine organisatorische unterteilt.

Zum anderen versteht sich das Konzept prinzipiell als überregional-europäisches (auch wenn es vor allem von den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland ausgeht). Dabei macht es so innovative Vorschläge wie den, die interne Kreisorganisation zukünftig gleichsam quer zu existierenden nationalen rechtlichen Strukturen aufzustellen: „der Kreis ‚Politik für die Französische Republik‘ nimmt an der Wahl für die Nationalversammlung und den Präsidentenwahlen teil“ (S. 118). Das mag aus heutiger Sicht wie Zukunftsmusik klingen, es paßt jedoch zum postulierten Credo der transformativen Partei, dafür anzutreten, „das angeblich nicht Umsetzbare umzusetzen“ (S. 141).

Als roter Faden zieht sich ferner das Ideal der Agilität durch alle Dimensionen der avisierten transformativen Organisation. Dynamische, professionell moderierte Prozesse, die Erlaubnis, schnell zu scheitern, ein durchdachtes Onboarding neuer Mitglieder und weitreichende Überlegungen zum Thema Effizienz als Ausdruck der Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit ergänzen sich zu einem recht facettenreichen Bild integraler Organisationsstruktur und Organisationskultur.

Eher durch die Hintertür kommt dabei auch das bei Laloux zentral als dritte Säule der „TEAL organizations“ identifizierte Grundprinzip der Ganzheitlichkeit in den Blick. Werte wie aktives Zuhören, eine achtsame Gesprächs- und Dialogkultur, Beziehungsarbeit und „gute Selbstführung“ werden von Hanno und Clemens zwar als Bausteine einer lebendigen Politik thematisiert, in deren Rahmen Menschen sich entwickeln können. Dies erscheint jedoch mitunter eher als Funktion des agilen, transformativen Betriebssystems, denn als Selbstzweck.

Aus integraler Sicht möchte man an dieser Stelle zu mehr Verve und Fokus ermutigen, insbesondere angesichts der durch zahlreiche Beispiele illustrierten Beobachtung der Autoren, dass und in welch erschreckendem Ausmaß die heutige politische Welt „Menschen von sich selbst entfernt“, wenn nicht krank macht, und wie sie zumindest sensiblere Naturen komplett von politischer Arbeit entfremdet.

Allerdings wird die eher untergeordnete Behandlung des Prinzips der Ganzheitlichkeit im transformativen Partei-Konzept besser verständlich, wenn man zusätzlich Hannos zweites Buch zur Kenntnis nimmt, das kurz nach der „Liebeserklärung“ erscheinen soll: „Unlearn – A Compass for Radical Transformation“ (Perspektiva, 2021) ist sein Beitrag zur Frage, wie individuelle, organisationale und gesellschaftliche Transformation miteinander zusammenhängen und im Idealfall miteinander verzahnt werden können.

Last not least folgen die Autoren Laloux implizit auch mit dem letzten Teil III ihres Buches, indem sie vielfältige praktische Überlegungen dazu anstellen, wie denn eine transformative Partei in die Welt zu bringen wäre. Ihre Ideen und Vorstellungen hierzu sind so konkret und spezifisch, dass man sich fragt, welche (positiven oder gescheiterten) Beispiele hier eigentlich Pate gestanden haben, bzw. ob es real existierende Vorbilder gibt, von denen sich für ein vergleichbares Mammutunternehmen lernen ließe. Die Antwort bleiben die Autoren leider erneut schuldig – ebenso wie eine Anlaufstelle für diejenigen, die sich von ihren Ideen persönlich inspiriert fühlen und im Ergebnis der Lektüre das berühmte Kribbeln in den Fingern spüren oder gar bereits voller Tatkraft „mit den Hufen scharren“.

Zwar bleiben sie damit durchaus im Rahmen ihres wohlweislich bescheiden formulierten Anspruchs: Das Buch soll lediglich „Kompass und Inspiration sein“ für Menschen, die transformative Parteien (im Plural!) gründen wollen, „keine Gebrauchsanweisung“ (S. 221). Dennoch fand ich persönlich – als jemand, die integrale Politik in der Praxis erstmals 2008 bei der IP Schweiz kennenlernte und seitdem nach Möglichkeiten und Mitstreiter/innen sucht, um etwas Vergleichbares in Deutschland zu etablieren – diesen Schluss zugegeben fast etwas enttäuschend L. Ich hatte im Zuge der Lektüre erwartet, am Ende des Buches eine Kontaktadresse, irgendeine Art von Aufruf zur Mitarbeit – oder besser noch ein Beitrittsformular vorzufinden – und hätte mich dann womöglich gleich angemeldet.

Immerhin besteht angesichts der politischen Biographie der beiden Autoren eine gewisse Hoffnung, dass sie auch hierzu womöglich konkretere Ideen haben, als sie in ihrem Buch verraten. Andernfalls könnte man sich zu der Bemerkung verleitet sehen, dass über ganzheitliche/transformative/integrale Visionen für die Politik schon viel geschrieben und hinlänglich philosophiert wurde, es nun aber darum geht, sie umzusetzen. Gerade der hier etwas weniger belichtete Aspekt der Ganzheitlichkeit, verbunden mit der Herausforderung des walking the talk, also des mit Leben Füllens einer grundlegend anderen politischen Praxis und Kultur, erscheint ja letztlich als die eigentliche Bewährungsprobe, an der schon manch anderes innovatives und transformatives Projekt gescheitert ist. Integrale Politik (ob man sie nun so nennt oder nicht) zu denken ist insofern das eine – sie zu verkörpern und tatsächlich auf die Straße zu bringen, noch einmal eine ganz andere Hausnummer.

Trotz allem ist das vorliegende Buch auch dazu in jedem Fall ein wichtiger Aufschlag und Impulsgeber, der – ähnlich wie es Laloux‘ Bestseller für Organisationen getan hat – die Vision einer transformativen Partei (bitte nicht mehrerer!) mutig in den Raum stellt und dazu beitragen kann, eine community zu begründen, die sich alsdann den Details ihrer Umsetzung in actu tatkräftig verschreibt.