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Subtiler Aktivismus: Können wir das Heilige ins Gespräch bringen? Bericht und Fragmente vom evolve-Salon in Freiburg, 23.11.2019 mit Geseko von Lüpke und Thomas Steininger

Autor: 
Toni Bünemann

„Das Herz jeder Revolution ist die Revolution des Herzens“. (Charles Eisenstein, Autor von Climate: A New Story und The More Beautiful World Our Hearts Know is Possible)

Thomas Steininger führt länger ein: der Wir-Raum (we space) wird erwähnt und was das Magazin evolve sein will, wie sie in der Redaktion denken und arbeiten. Dann stellt er seinen Dialogpartner vor: Geseko von Lüpcke. Joana Macy, die Grande Dame der Tiefenökologie, soll mal beiläufig gesagt haben: „Do the people know, what they have with in Geseko?“

Das will ich herausfinden, was wir an ihm haben. Er sitzt mit uns im Kreis, stellt sich als Journalist, Autor, Tiefenökologe und Mensch vor, der in der Gemeinschaft Sulzbrunn im Allgäu lebt. Sein Anliegen – nach der kurzen Vorstellungsrunde der 25 Teilnehmenden - ist zunächst, das Paradigma der Verbundenheit (interbeing), als Gegensatz zu der Mainstream-Praxis der Getrenntheit, die wir alle tagtäglich erleben, zu beschreiben.

Unserer Kultur nämlich sei die Verbindung, man kann auch sagen, die Rückbindung an das Ganze, die eigentlich immer da ist, verloren gegangen. Und die Menschen, die hier im Kreis sitzen, kennen die Erfahrung, mühsam diese Verbindung wiederherzustellen, verbunden mit der Frage: geht das überhaupt, gegen den Strom zu schwimmen? Was kostet mich das?

Geseko begleitet übrigens auch Visionssuchende. Davon berichtet er: bei der Visionssuche passiert eine persönliche Wandlung aus Krisenerfahrung. Es sei ein Prozess der Potenzialentfaltung, der zu einer neuen Selbstdefinition führt. Man findet eine neue Identität, ein Verständnis dessen, was man in der Welt ist. Hier zeigt sich auch eine Parallele zu unserer Zeit: wir haben uns kollektiv verloren, sind kollektiv in der Krise und leben in einer länger dauernden Schwellenzeit, wo das Alte nicht mehr recht funktioniert, das Neue aber noch nicht da ist. So wie die Visionssuchenden individuell müssen wir uns dem Prozess zwischen der fortlaufenden inneren Arbeit und der politischen Arbeit kollektiv stellen. Und dabei die Krise willkommen heißen, weil wir uns darin befinden. Es gehe darum, die Schatten anzuschauen, das Verdrängte. Wir können das sterbende Weltbild bezeugen und Geburtshelfer/innen einer neuen Kultur sein, in der Neues entsteht und die Getrenntheit aufgehoben wird.

Das Heilige – the Sacred

Wir beleuchten den Begriff des „Heiligen“ (Sacred): Eein verbrauchter und besetzter Begriff sei das, meinen Thomas Steininger und die anderen Teilnehmenden, besetzt durch Weihrauch oder Erfahrungen mit verkrusteter Amtskirche, dennoch habe jede/r einen intuitiven Zugang zum dem Heiligen. Wir spüren es einfach. Philosophisch gesprochen: wir nähern uns dem phänomenologisch an: wo wir das Heilige spüren, da ist es wohl auch.

„Wann ist es wichtig, sich mit dem Heiligen zu verbinden?“, fragt jemand. Was ist uns heilig? Die Natur. Die Beziehungen. Die Liebe. Das Leben.

Charles Eisenstein, der US-amerikanische Kulturphilosoph und Theoretiker der Occupy-Bewegung mit Ausbildung in Yale, schlägt ein interbeing-Weltbild vor. Die Welt wird also zum Ort meiner Transformation, im Rücken habe ich das Gefühl für das Verbindende und Heilige. Das interbeing (Verbundenheit) kann man spirituell, praktisch und kognitiv beschreiben. Wir sind Teil eines größeren Systems. „We are nature, defending itself“ ist ein Satz, der von Aktivisten von Extinction Rebellion gesprochen wird. Sie machen damit einen Schritt heraus aus der Getrenntheit. Einen Shift of Consciousness, ein Bewusstseinssprung.

Und was ist dann eigentlich Aktivismus? Der -ismus verweist auf eine Getriebenheit, auf etwas Reaktives. Gibt es auch eine proaktiven, ko-kreativen Aktivismus? Ein Handeln aus der Stille z.B., wobei die Stille von der Frage getragen sein kann, „was will denn werden?“.

Das Politische

Dann rückt die FFF-Bewegung in den Blick. Die Klimakrise sei auch als weltliche Initiationserfahrung zu verstehen. „How dare you?!“, schrie Greta. Hier spreche Panik angesichts des drohenden kollektiven Selbstmords durch den Klimawandel aus ihr.

Der Bewusstseinswandel legt aber noch etwas anderes nahe: die heilige Gelassenheit. Unter Todesdrohung nicht in den Panikmodus zu gehen: wir brauchen diese Dimension und die Menschen, die das kultivieren, um eine neue Erfahrung von Aktivismus zu machen, den man dann vielleicht heiligen Aktivismus nennen kann (sacred activism). Dieser ist in der Lage, den Meditationsraum zu verlassen, ohne die Meditation zu verlassen. Einer der Hauptaktivisten vom Hambacher Forst ruft auf zur Meditation, zu Achtsamkeitsübungen etc.

Wie in der Traumatherapie geht es um die Überwindung von Verdrängung: diese will den Schatten und den überwältigenden Schmerz erst nicht wahrnehmen. Es braucht aber den Schmerz und die Anerkennung der Wunden, um zu einer echten Verbundenheit zu kommen. Denn Verzweiflung ist die andere Seite der Liebe.

Gelassenheit führt dazu, langsamer zu werden, mich einzulassen auf Lösungen, die nicht unmittelbar sind. Dann bin ich nicht Optimist oder Pessimist, sondern Possibilist, sagt Geseko,. „nNature-based practice“ hieße dann: die Erde handelt durch mich, ich bin ein Teil eines Immunsystems der bedrohten Erde!

Und wie trägt man sowas in andere Räume? Ist Sprache dazu fähig? Wie lässt sich die allgegenwärtige Angst abbauen oder überwinden?

Der Dialog und das Beziehungsnetz

Die Antwort lautet „Emergent Dialogue“: Es geht um einen Wir-Raum, um das damit zusammenhängende Vertrauen. Co-Creation durch ein Ffüreinander- da- Sein im Zuhören. Ein realer Begegnungs- und Beziehungsraum, der mich an den konkreten Menschen gegenüber bindet. Es entstehen Lernräume im Mmich-eEinlassen, wahrnehmen, üben, sich entfalten lassen. Man kann vielleicht sogar sagen: die Erde wird sich durch uns ihrer selbst bewusst.

Der tiefenökologische Zugang scheint auf: Innerer Schmerz findet seine Entsprechung in zerstörerischen Bildern in der Natur, die wie eine Projektion menschlicher Schmerzen erscheinen können: ein Baum ist im Sturm umgeknickt, der Wald schreit... Dieser Schmerz sei allgegenwärtig hört man aus dem Kreis der Teilnehmenden.

Auf diese Weise drehen sich die Dinge um: die Tiefenökologie ist nicht die Welt der Objekte vor dem Hintergrund der Welt der Beziehungen, sondern sie ist die Welt der Beziehungen vor dem Hintergrund der Welt der Objekte. Unser Fühlen, unsere Angst, unsere Erkenntnis sind Teil eines ganzen Netzes, das sich um die Erde webt. Wo wir uns weigern zu fühlen, entstehe ein Loch in diesem Netz.

Wir sind Organe des Wandels, und wir leben in der großen Zeit des Wandels. Es gibt unmittelbaren politischen Protest (holding actions). Erkenntnis von Fehlentwicklung und Aufbau von Alternativen. Veränderung des Fühlens und des Mitdenkens.

Wenn wir gerade das „management of the breakdown“ betreiben, ist es wichtig Trauer darüber zuzulassen, was passiert: Artensterben in unvorstellbarer Menge und Schnelligkeit, Verschmutzung, Klimawandel. Es geht darum, anwesend zu sein, auch wenn es nicht gut ausgeht.

Denn Verdrängung führte und führt nur in eine kollektive Depression: Dumpfheit, Apathie, Mutlosigkeit, Mangel an Lebendigkeit. Die Wahrheit gilt als nicht konform. Das Aussprechen der Gefühle ist aber in Wirklichkeit ein Schritt aus der Isolation. Verdrängung hingegen ist eine kollektive Vereinbarung, die wir brechen müssen.

Im tibetischen Shambala-Buddhismus hat der/die Shambala-Kriegerin zwei Waffen: das Mitgefühl und die Verbundenheit mit allem. Durch das Innehalten ist es möglich, Schmerz und Beglückung zugleich zu erleben und dadurch in die Wirksamkeit zu kommen. Es wird aber in unserer Kultur viel dafür getan, nicht in das empowerment zu kommen.

Geschichten der Verbundenheit

Es geht nun darum, eine Kultur der Verbundenheit zu implementieren. Man kann aus der Wahrnehmung der Ganzheit sich einbringen in die Ganzheit. Wir nehmen alle an einer Phantasiereise auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen teil: sie beschreibt, wie wir als menschliche Organismen alle aus Äonen stammen, unsere Mikroben, die Moleküle, das Wasser in unseren Körpern, die Luft die wir atmen…. alles ist mit allem verbunden. We are Earth, we are formed by it’s gravitation.

„Das hätte ich gern als Kind gehabt, diese Geschichten von Verbundenheit“, sagt eine Teilnehmerin.

Imago-Zellen als Zukunftsbild oder: wie wird ein Schmetterling aus der Raupe?

Wie wandelt sich die Raupe in den Schmetterling? Der Zellbiologie Bruce Lipton liefert eine Metapher für das, was gerade kollektiv passiert: die Imago-Zellen. Der Prozess war bisher noch nicht klar, war aber seit Urzeiten das Symbol einer Transformation. Was da passiert im Körper der Raupe, die sich vollfrisst und einpuppt, die in einem krisenhaften Auflösungsprozess ist… es bilden sich Zellen. In diesen Zellen hat man festgestellt, dass sie sich aus dem alten Körper bilden, aber eine andere DNA haben. Die erste Generation der Imagozellen wird fast vollständig ausgelöscht vom Immunsystem der Raupe. Dann bilden sich aber neue Zellen, die sind einfach nicht mehr bestimmt für die Raupe und die fangen an, sich zusammenzuschließen, zu Clustern. Die Imagozellen, wenn sie angegriffen werden, verdrängen die alten Zellen. Schließlich fangen die Imagozellen in Clustern an, sich zu vernetzen. Die Imagozellen sind Zellen des zukünftigen Schmetterlings, d.h. sie nehmen die Zukunft des Schmetterlings voraus. Die wissen zwar noch nicht, dass sie ein Schmetterling werden, aber sie sind nicht mehr Raupe, sie sind eine neue Identität, sie sind die Zukunft. Sobald das passiert, ist der Schmetterling nur noch eine Woche weit weg, denn dann entsteht dieser neue Organismus ganz schnell.

Das Bild, dass wir alle Imagozellen in einem System sind, das völlig unterschiedlich ist vom Bild des Untergangs der Welt, gibt dem ganzen Prozess eine ganz andere Schwingung.

Anmerkung: Man könnte nach der Erfahrung dieses Tages auch mit Charles Eisenstein fragen: „Does the world really need another smart white guy speaking in a room?“ Nun ja. Die Welt braucht aber gewiss Wir-Räume und Dialog, gerne mehr davon. In diesen Räumen können junge und ältere, Frauen und Männer und Diverse, sowie möglichst Weiße und people of color sitzen und gehört werden.

Toni Bünemann

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